Veröffentlichungsankündigung
Zerbrochenes Glück
Zerbrochenes Glück
Bereits vor Veröffentlichung erhalten drei TestleserInnen die Möglichkeit das Buch als PDF testzulesen.
Jennifer Selters wandert mit ihrer Familie nach Kanada aus, um Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit zu entfliehen. Sie folgen dem Ruf des "schwarzen Goldes", und lassen sich im Bundesstaat Alberta nieder. Als Jenny glaubt, dass sie endlich das Ziel aller Träume erreicht haben, zerstören drei Bären nicht nur ihr Leben.
Leseprobe:
Berlin - Rückblende
Ich war mir ganz sicher: „Wir gehen den richtigen Weg!“
Viele Tage und Nächte verbrachten mein Mann Michael und ich
mit Diskutieren und Grübeln. In Deutschland gab es einfach keine Perspektive. Weder für uns noch für so viele andere arbeitslose Menschen. Michael war bereits seit Jahren als Architekt arbeitslos. Mehrere kleinere Jobs mussten in den letzten Jahren als Notlösung herhalten. Als Kraftfahrer, als Pizzabote, auch mal kurz ein Job in einem Architekturbüro.
Da hofften wir so sehr, dass es wieder aufwärtsging. Leider zahlte der Chef keinen Lohn und drei Monate später war dieser Job bereits Geschichte. Dann wurde in Deutschland das Arbeitslosengeld II eingeführt, von allen nur Hartz IV genannt. Ab sofort bildeten wir eine „Bedarfsgemeinschaft“. Damit fing unser Dilemma so richtig an. Als Filialleiterin eines Supermarktes verdiente ich nicht schlecht. Michael bekam auf einmal keinerlei Zuschüsse mehr. Für drei Personen aber war mein Lohn einfach zu wenig. Immer öfter war unsere Kasse schon vor dem Monatsende leer. An Arbeit dagegen mangelte es nicht. Morgens um sechs Uhr verließ ich das Haus, um abends gegen zweiundzwanzig Uhr total geschafft zurück zu kehren. Offiziell standen mir pro Woche zwei freie Tage zu. Aber bei einem Personalbestand von zwei Kassiererinnen, die jeweils nur zwanzig Stunden die Woche arbeiten durften, war das kaum einhaltbar. Die wirtschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands war eines der heiß diskutiertesten Themen in unserem Freundeskreis.
Derjenige, der einen Job hatte, schuftete fast bis zum Umfallen. Musste oft die Arbeit für zwei oder drei erledigen. Meckern gab es nicht, denn es standen genug Arbeitslose auf der Straße. Es war ja nicht so, dass keine Jobs angeboten wurden. Die Zeitungen standen voll davon. Die Stellenanzeigen lasensich ganz toll – bis zum Absatz:
„Wenn Sie sich von unserer Anzeige angesprochen fühlen und
nicht älter als 35 Jahre sind, dann zögern Sie nicht, sich bei uns zu bewerben.“
Viele Tage und Nächte verbrachten mein Mann Michael und ich
mit Diskutieren und Grübeln. In Deutschland gab es einfach keine Perspektive. Weder für uns noch für so viele andere arbeitslose Menschen. Michael war bereits seit Jahren als Architekt arbeitslos. Mehrere kleinere Jobs mussten in den letzten Jahren als Notlösung herhalten. Als Kraftfahrer, als Pizzabote, auch mal kurz ein Job in einem Architekturbüro.
Da hofften wir so sehr, dass es wieder aufwärtsging. Leider zahlte der Chef keinen Lohn und drei Monate später war dieser Job bereits Geschichte. Dann wurde in Deutschland das Arbeitslosengeld II eingeführt, von allen nur Hartz IV genannt. Ab sofort bildeten wir eine „Bedarfsgemeinschaft“. Damit fing unser Dilemma so richtig an. Als Filialleiterin eines Supermarktes verdiente ich nicht schlecht. Michael bekam auf einmal keinerlei Zuschüsse mehr. Für drei Personen aber war mein Lohn einfach zu wenig. Immer öfter war unsere Kasse schon vor dem Monatsende leer. An Arbeit dagegen mangelte es nicht. Morgens um sechs Uhr verließ ich das Haus, um abends gegen zweiundzwanzig Uhr total geschafft zurück zu kehren. Offiziell standen mir pro Woche zwei freie Tage zu. Aber bei einem Personalbestand von zwei Kassiererinnen, die jeweils nur zwanzig Stunden die Woche arbeiten durften, war das kaum einhaltbar. Die wirtschaftliche und politische Entwicklung Deutschlands war eines der heiß diskutiertesten Themen in unserem Freundeskreis.
Derjenige, der einen Job hatte, schuftete fast bis zum Umfallen. Musste oft die Arbeit für zwei oder drei erledigen. Meckern gab es nicht, denn es standen genug Arbeitslose auf der Straße. Es war ja nicht so, dass keine Jobs angeboten wurden. Die Zeitungen standen voll davon. Die Stellenanzeigen lasensich ganz toll – bis zum Absatz:
„Wenn Sie sich von unserer Anzeige angesprochen fühlen und
nicht älter als 35 Jahre sind, dann zögern Sie nicht, sich bei uns zu bewerben.“
Ein Hohn. Witze von der 25 jährigen vollbusigen Blondine mit Hochschulabschluss und dreißig Jahren Berufserfahrung machten die Runde. Projekte sollte man vorweisen können, Auslandserfahrung gesammelt haben. Michael, bereits über 40, konnte keine Auslandserfahrung vorweisen.
Doch ich mochte meinen Job, auch wenn er knochenhart war und alles von mir verlangte. Jeden Morgen spätestens Viertel vor sieben musste ich in der Filiale sein. Oft wartete bereits der erste Lieferwagen. Palette um Palette schob der Fahrer ins Lager. Allerspätestens bis zum nächsten Abend mussten alle abgepackt sein. Das Gemüse kam gleich nach vorne in den Laden und musste bis zur Geschäftseröffnung um neun Uhr abgepackt sein. Danach fuhr das rote Bäckereifahrzeug vor.
Einmal pro Woche kam Tiefkühlware. Ohne Unterbrechung der Kühlkette sollte diese so schnell wie möglich in die Truhen geräumt werden. Dazu kam die morgendliche Mindesthaltbarkeitskontrolle. Waren umbauen, Brötchen backen, Gemüse einräumen. Alles und am besten gleichzeitig in nicht mal zwei Stunden. Viel zu wenig für einen allein. Kassen einräumen, schnell ein Schluck Kaffee, Brötchen aus dem Ofen holen,Türen aufschließen, neue Brötchen in Ofen schieben, zur Kasse rennen und erste Kunden abkassieren. So ging das den ganzen Tag. Rennen, rennen und noch mal rennen. Hin und wieder läutete das Telefon. Eine Nachbarfiliale oder die Buchhaltung hatten Nachfragen. Dann meckerten die Kunden rum, sie fänden es nicht toll, dass die Frau auch noch während der Arbeitszeit telefonieren würde. Einmal pro Woche, wenn die Tiefkühlware kam, genehmigte ich mir schon am Morgen eine Kassiererin. Das war schon eine erhebliche Erleichterung, konnten wir doch zusammen abpacken und kassieren und auch hier und da mal ein persönliches Wort wechseln. Den Rest der Woche kam die Kassiererin erst am Nachmittag.
So lange war ich in dem riesigen Laden allein. Wen wunderte es, dass immer öfter ältere Menschen neben der Ware, die sie brav im Wagen an die Kasse zum Bezahlen schoben, genug unbezahlte Waren im Einkaufsbeutel heraustrugen. Nicht Kinder und Jugendliche waren die Diebe. Nein. Es gab in Deutschland einfach zu viele ältere Menschen, bei denen die magere Rente nicht mehr bis zum Monatsende reichte. Und das, obwohl ein arbeitsreiches Leben hinter ihnen lag.
Doch ich mochte meinen Job, auch wenn er knochenhart war und alles von mir verlangte. Jeden Morgen spätestens Viertel vor sieben musste ich in der Filiale sein. Oft wartete bereits der erste Lieferwagen. Palette um Palette schob der Fahrer ins Lager. Allerspätestens bis zum nächsten Abend mussten alle abgepackt sein. Das Gemüse kam gleich nach vorne in den Laden und musste bis zur Geschäftseröffnung um neun Uhr abgepackt sein. Danach fuhr das rote Bäckereifahrzeug vor.
Einmal pro Woche kam Tiefkühlware. Ohne Unterbrechung der Kühlkette sollte diese so schnell wie möglich in die Truhen geräumt werden. Dazu kam die morgendliche Mindesthaltbarkeitskontrolle. Waren umbauen, Brötchen backen, Gemüse einräumen. Alles und am besten gleichzeitig in nicht mal zwei Stunden. Viel zu wenig für einen allein. Kassen einräumen, schnell ein Schluck Kaffee, Brötchen aus dem Ofen holen,Türen aufschließen, neue Brötchen in Ofen schieben, zur Kasse rennen und erste Kunden abkassieren. So ging das den ganzen Tag. Rennen, rennen und noch mal rennen. Hin und wieder läutete das Telefon. Eine Nachbarfiliale oder die Buchhaltung hatten Nachfragen. Dann meckerten die Kunden rum, sie fänden es nicht toll, dass die Frau auch noch während der Arbeitszeit telefonieren würde. Einmal pro Woche, wenn die Tiefkühlware kam, genehmigte ich mir schon am Morgen eine Kassiererin. Das war schon eine erhebliche Erleichterung, konnten wir doch zusammen abpacken und kassieren und auch hier und da mal ein persönliches Wort wechseln. Den Rest der Woche kam die Kassiererin erst am Nachmittag.
So lange war ich in dem riesigen Laden allein. Wen wunderte es, dass immer öfter ältere Menschen neben der Ware, die sie brav im Wagen an die Kasse zum Bezahlen schoben, genug unbezahlte Waren im Einkaufsbeutel heraustrugen. Nicht Kinder und Jugendliche waren die Diebe. Nein. Es gab in Deutschland einfach zu viele ältere Menschen, bei denen die magere Rente nicht mehr bis zum Monatsende reichte. Und das, obwohl ein arbeitsreiches Leben hinter ihnen lag.




