Frisch aus der Druckerei im Verlag eingetroffen!
Zerbrochenes Gück
Leseprobe:
Ende Juli
„Wo sind nur wieder diese verdammten Schlüssel?“ Beladen mit etlichen Einkaufstüten suchte ich in meiner viel zu großen
Handtasche. Ah endlich, da sind sie. Seufzend schleppte ich den Einkauf in die Küche und schmiss mit einem lauten Rums die Haustür hinter mir zu.
Nach dem ersten anstrengenden Tag in Vancouver folgten weitere, nicht weniger anstrengende. Herr Franke besichtigte mit uns ein Haus nach dem anderen. Stellte uns weitere Exildeutsche vor. Hetzte von einem Ende der Stadt ans andere Ende.
Wann immer Michael oder ich vorsichtig widersprechen wollten,
präsentierte er uns bereits einen neuen Termin. Absagen oder
Herrn Franke vor den Kopf stoßen wollten wir nicht. Sieben Tage waren eine kurze Zeitspanne. Das war uns von Anfang an klar.
Jedoch fühlten wir uns komplett vereinnahmt. Das, was wir uns
ansehen wollten, gefiel Herrn Franke nicht oder wurde von ihm
abgewertet. Nur das, was ihm gefiel, zählte und war angeblich
furchtbar wichtig für unser Weiterkommen in dieser Stadt. Uns
fiel auf, dass Herr Franke in ganz anderen Sphären zu leben
schien. Immer wieder schleppte er uns in irgendwelche noblen und mega teuren Restaurants. Die Häuser, die er uns zeigte,
waren fernab von unseren Preisvorstellungen. Die versprochenen Jobs waren mit einem Mal kein Thema mehr. Wir sollten erst mal leben und genießen.
Schnell war uns klar: So ging das nicht weiter!
In der Hotellobby lagen täglich Tageszeitungen aus. Die Lektüre der Immobilien- und Jobanzeigen mutierte zum abendlichen Pflichtprogramm. Durch eine dieser Anzeigen fanden wir letztendlich unser Häuschen. Etwas älter und ein Reihenhaus, dafür zentral gelegen in der Nähe von Schule und Bus. Uns war klar, dass wir Herrn Franke gegenüber sozusagen eine Kriegserklärung aussprachen. Jedoch waren wir nicht verpflichtet, nur das zu akzeptieren, was er uns zeigte. Michael meinte damals auch: „Wenn er unsere Wünsche einfach nicht respektiert, dann tut es mir leid.“
Die ersten Tage und Wochen in der neuen Umgebung waren
schwieriger als erwartet. Alles war neu und ungewohnt. Allein
der Gang in den Supermarkt stellte sich als Abenteuer heraus.
Die Fülle des Angebots erschlug mich fast. Eine große Menge
von Lebensmitteln wurde mit Geschmacksverstärker und Farbstoffen aufgepäppelt, eine Achterbahnfahrt für die Geschmacksnerven. Wir benötigten einiges an Zeit, bis wir uns an die veränderte Ernährung angepasst hatten. Genauso der Straßenverkehr, das Preisgefüge, die Sprache, die andere Mentalität der Menschen. Jeder Tag in den ersten Wochen war
aufregend, und so wie kleine Kinder das Laufen lernen, mussten wir jeden Schritt im neuen Land Stück für Stück von Grund auf neu erlernen. Altbewährtes und lieb Gewonnenes musste über Bord geworfen werden. „Anpassung“ hieß unser neues Schlagwort. Als Deutscher im fremden Land konnten wir nicht das System des Gastlandes verändern, sondern uns nur über Anpassung integrieren. Worauf jedoch niemand in meiner Familie verzichten wollte, war deutsches Brot. Der Frachtcontainer traf vor wenigen Tagen ein. In ihm die Brotbackmaschine.
So langsam fühlte ich mich heimisch und sollte zufrieden sein. Eigentlich.
Ende Juli
„Wo sind nur wieder diese verdammten Schlüssel?“ Beladen mit etlichen Einkaufstüten suchte ich in meiner viel zu großen
Handtasche. Ah endlich, da sind sie. Seufzend schleppte ich den Einkauf in die Küche und schmiss mit einem lauten Rums die Haustür hinter mir zu.
Nach dem ersten anstrengenden Tag in Vancouver folgten weitere, nicht weniger anstrengende. Herr Franke besichtigte mit uns ein Haus nach dem anderen. Stellte uns weitere Exildeutsche vor. Hetzte von einem Ende der Stadt ans andere Ende.
Wann immer Michael oder ich vorsichtig widersprechen wollten,
präsentierte er uns bereits einen neuen Termin. Absagen oder
Herrn Franke vor den Kopf stoßen wollten wir nicht. Sieben Tage waren eine kurze Zeitspanne. Das war uns von Anfang an klar.
Jedoch fühlten wir uns komplett vereinnahmt. Das, was wir uns
ansehen wollten, gefiel Herrn Franke nicht oder wurde von ihm
abgewertet. Nur das, was ihm gefiel, zählte und war angeblich
furchtbar wichtig für unser Weiterkommen in dieser Stadt. Uns
fiel auf, dass Herr Franke in ganz anderen Sphären zu leben
schien. Immer wieder schleppte er uns in irgendwelche noblen und mega teuren Restaurants. Die Häuser, die er uns zeigte,
waren fernab von unseren Preisvorstellungen. Die versprochenen Jobs waren mit einem Mal kein Thema mehr. Wir sollten erst mal leben und genießen.
Schnell war uns klar: So ging das nicht weiter!
In der Hotellobby lagen täglich Tageszeitungen aus. Die Lektüre der Immobilien- und Jobanzeigen mutierte zum abendlichen Pflichtprogramm. Durch eine dieser Anzeigen fanden wir letztendlich unser Häuschen. Etwas älter und ein Reihenhaus, dafür zentral gelegen in der Nähe von Schule und Bus. Uns war klar, dass wir Herrn Franke gegenüber sozusagen eine Kriegserklärung aussprachen. Jedoch waren wir nicht verpflichtet, nur das zu akzeptieren, was er uns zeigte. Michael meinte damals auch: „Wenn er unsere Wünsche einfach nicht respektiert, dann tut es mir leid.“
Die ersten Tage und Wochen in der neuen Umgebung waren
schwieriger als erwartet. Alles war neu und ungewohnt. Allein
der Gang in den Supermarkt stellte sich als Abenteuer heraus.
Die Fülle des Angebots erschlug mich fast. Eine große Menge
von Lebensmitteln wurde mit Geschmacksverstärker und Farbstoffen aufgepäppelt, eine Achterbahnfahrt für die Geschmacksnerven. Wir benötigten einiges an Zeit, bis wir uns an die veränderte Ernährung angepasst hatten. Genauso der Straßenverkehr, das Preisgefüge, die Sprache, die andere Mentalität der Menschen. Jeder Tag in den ersten Wochen war
aufregend, und so wie kleine Kinder das Laufen lernen, mussten wir jeden Schritt im neuen Land Stück für Stück von Grund auf neu erlernen. Altbewährtes und lieb Gewonnenes musste über Bord geworfen werden. „Anpassung“ hieß unser neues Schlagwort. Als Deutscher im fremden Land konnten wir nicht das System des Gastlandes verändern, sondern uns nur über Anpassung integrieren. Worauf jedoch niemand in meiner Familie verzichten wollte, war deutsches Brot. Der Frachtcontainer traf vor wenigen Tagen ein. In ihm die Brotbackmaschine.
So langsam fühlte ich mich heimisch und sollte zufrieden sein. Eigentlich.
Furcht machte sich in mir breit. Ich befürchtete, dass meine Familie auseinanderbrach, Michael und Marius mir entglitten.
Nein, so hatte ich mir unser Leben in Kanada wirklich nicht vorgestellt.
In Gedanken versunken räumte ich den Einkauf in die
Schränke. Trödeln konnte ich mir nicht leisten. Jede Menge
Hausarbeit wartete jetzt noch auf mich. Brot backen, Essen kochen, einen riesigen Berg Wäsche bügeln. Acht Stunden saß
ich täglich im Callcenter und arbeitete hoch konzentriert. Ich
musste deutschen Verbrauchern ein Glücksspiel verkaufen.
Meine Männer dachten, ich täte das, was Frauen angeblich am
liebsten tun.
Telefonieren.
Argumentieren, überzeugen, zuhören und auf das winzigste
Kaufsignal hin - reagieren. Einfach war das nicht. Total ausgelaugt kehrte ich abends nach Hause zurück, nur um hier eine zweite Schicht einzulegen.
Der einmalige Versuch bei Michael und Marius Verständnis zu
erhalten, scheiterte kläglich und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.
Wie lauteten die Argumente der beiden noch mal?
Michael arbeitete jeden Tag hart auf einer der Baustellen, Marius paukte Mathe und Geschichte in einer fremden Sprache.
Und was bitte tat ich?
Während die Männer ehrliche harte Arbeit leisteten, laberte ich
die Kunden am Telefon voll.
Volllabern nannten die beiden das also?
Der Zorn über diese Äußerung war noch immer nicht aus meiner Brust gewichen. Andererseits, der Stachel des Zweifels, der seit dem ersten Arbeitstag in meiner Brust saß, wuchs und wuchs. Was verkaufte ich denn? Nichts Reales, nichts zum Anfassen oder was mit nach Hause zu nehmen. Sondern Träume und Hoffnungen. Ging es der Wirtschaft schlecht, boomte die Glücksspiel-Gesellschaft. Immer mehr arme und verzweifelte Menschen klammerten sich an diesen letzten Strohhalm. Mehrmals bereits konnte ich kaum mein schlechtes Gewissen unterdrücken, wenn mir am Telefon die Menschen von ihren Nöten erzählten.
Am ersten Arbeitstag trat ich erst einmal heftig ins Fettnäpfchen.
Schmunzelnd dachte ich daran zurück.
Nein, so hatte ich mir unser Leben in Kanada wirklich nicht vorgestellt.
In Gedanken versunken räumte ich den Einkauf in die
Schränke. Trödeln konnte ich mir nicht leisten. Jede Menge
Hausarbeit wartete jetzt noch auf mich. Brot backen, Essen kochen, einen riesigen Berg Wäsche bügeln. Acht Stunden saß
ich täglich im Callcenter und arbeitete hoch konzentriert. Ich
musste deutschen Verbrauchern ein Glücksspiel verkaufen.
Meine Männer dachten, ich täte das, was Frauen angeblich am
liebsten tun.
Telefonieren.
Argumentieren, überzeugen, zuhören und auf das winzigste
Kaufsignal hin - reagieren. Einfach war das nicht. Total ausgelaugt kehrte ich abends nach Hause zurück, nur um hier eine zweite Schicht einzulegen.
Der einmalige Versuch bei Michael und Marius Verständnis zu
erhalten, scheiterte kläglich und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.
Wie lauteten die Argumente der beiden noch mal?
Michael arbeitete jeden Tag hart auf einer der Baustellen, Marius paukte Mathe und Geschichte in einer fremden Sprache.
Und was bitte tat ich?
Während die Männer ehrliche harte Arbeit leisteten, laberte ich
die Kunden am Telefon voll.
Volllabern nannten die beiden das also?
Der Zorn über diese Äußerung war noch immer nicht aus meiner Brust gewichen. Andererseits, der Stachel des Zweifels, der seit dem ersten Arbeitstag in meiner Brust saß, wuchs und wuchs. Was verkaufte ich denn? Nichts Reales, nichts zum Anfassen oder was mit nach Hause zu nehmen. Sondern Träume und Hoffnungen. Ging es der Wirtschaft schlecht, boomte die Glücksspiel-Gesellschaft. Immer mehr arme und verzweifelte Menschen klammerten sich an diesen letzten Strohhalm. Mehrmals bereits konnte ich kaum mein schlechtes Gewissen unterdrücken, wenn mir am Telefon die Menschen von ihren Nöten erzählten.
Am ersten Arbeitstag trat ich erst einmal heftig ins Fettnäpfchen.
Schmunzelnd dachte ich daran zurück.
Die erste Rezension bei Amazon

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