neue Leseprobe aus "Noel" von Prisca Dussling
Komisch, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass man damit gehen kann. Mit vier Beinen war es für mich am Anfang ja schon schwer aufzustehen, aber wie soll das erst mit nur zwei Beinen gehen?!
Heute bin ich den ganzen Tag unter freiem Himmel, ich liege die meiste Zeit im Gras und träume vor mich hin. Meine neue Mama streichelt mich und ich beschnuppere ihre Kleider. Jetzt kann ich sie sogar schon am Geruch erkennen.
Immer, wenn sie mich wieder in den Stall bringt, fühle ich mich einsam und verlassen.
Heute versuchen die Leute mich mit einer anderen Mama zusammenzubringen.
Sie hat auch ein Baby, doch diese Mama ist böse zu mir. Mit heftigen Bissen und Tritten versucht sie mich zu verjagen.
Autsch, das tut weh! Ich wehre mich, doch sie ist zu stark und ich bin noch zu klein und schwach, um etwas ausrichten zu können. Mit eingezogenem Schweif gehe ich in meine Ecke und die Menschen trennen den Stall mit Strohsäcken ab. Doch
die böse Stute lässt mich nicht in Ruhe. Sie schnappt weiter nach mir, sie will mich beißen. Was soll das denn? Das gibt es doch nicht!
“Hilfe!”, schreie ich, doch sie schlägt weiter aus und trifft mich an der Hüfte. Ich falle um und meine neue Menschen-Mama glaubt, ich habe mich beim Umfallen
verletzt. Aber zum Glück habe ich mir nichts getan.
„Eine Nacht werden wir es versuchen, Noel”, erklärt mir Mama.
„Ich will aber nicht. Schau nur, wie die Stute mich ansieht. Siehst du, wie sie die Augen verdreht? Da bekommt man direkt Angst. Mama“, bettele ich, „bitte, bring mich zurück in meinen Stall. Ich halte es hier nicht aus.” Kann sie das denn nicht verstehen? Sieht sie denn nicht, dass mich diese Mama mit dem Baby nicht haben will? In meinem Stall bin ich zwar alleine, aber das ist immer noch besser als mit jemandem den Stall zu teilen, der mich schlagen und beißen will.
Fortsetzung im Buch
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen