Dienstag, 10. April 2012

Leseprobe - Zerbrochenes Glück

Leider bin ich gesundheitlich grad etwas angeschlagen, es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, dennoch möchte ich die neue Woche mit einer Leseprobe starten.

Wir beginnen heute mit "Zerbrochenes Glück", nicht weil ich dieses Buch geschrieben habe, sondern weil es der erste veröffentlichte Titel nach Trennung von meiner Partnerin war. 


Leseprobe:

Der Schnee knirschte unter unseren Rädern, als wir die Fahrzeuge vor dem Haus zum Stehen brachten. Kaum schalteten wir die Motoren aus, flog die Haustür mit einem energischen Ruck auf. Bekleidet mit dicken, wattierten Hosen und einem grob gestrickten Pullover, die langen schwarzen Haare im Nacken zum Zopf gebunden, trat uns ungeduldig der Hausherr entgegen. Mit schwarzen Augen musterte er mich ungeniert und begrüßte gleichzeitig Shelly, die mich mit in das Haus zog. Überrascht stellte ich fest, dass das Haus nicht sehr groß war. Hauptsächlich bestand es nur aus einem einzigen Raum. Die Eheleute schliefen im oberen Alkoven oder vor dem Kamin. Jetzt lag eine stöhnende Frau vor dem prasselnden Feuer und erwartete bereits sehnsüchtig die Ankunft von Doula und Hebamme.
Ohne zu zögern, begannen wir mit der Arbeit.
Einige Stunden später hielt Jack als frischgebackener Vater seinen Sohn im Arm. Ein hübsches Baby mit dichtem schwarzen Haar und asiatisch anmutenden Augen. Mir fiel auf, dass der Teint von Jack Bighorn und seine Frau Sarah etwas dunkler als der mir bekannten Dene und Cree aussah und ihre Augen etwas mehr den Asiaten ähnelte. Daher vermutete ich, dass sie einer anderen Volksgruppe angehörten. Ich nahm mir vor, Shelly später darauf anzusprechen.
Es schneite und schneite. Dicke Flocken fielen vom Himmel. Die Sicht betrug kaum zwanzig Meter. Mittlerweile war der Abend hereingebrochen.
Sarah und Jack baten Shelly und mich, über Nacht zu bleiben. Es war zu gefährlich, bei diesem Wetter zu
fahren. Während ich dankbar das Angebot annahm, lehnte
Shelly ab. Ein alter Freund von ihr bewohnte eine der benachbarten
Farmen, etwas weiter westlich in der Nähe des kleinen
Örtchens Embarras Portage. Jack wollte Shelly bei diesem
Wetter nicht allein fahren lassen und begleitete sie. Was war
ich froh, jetzt nicht nach Hause fahren zu müssen. Während
Sarah und ihr Baby sich von der anstrengenden Geburt erholten, telefonierte ich mit Michael und teilte ihm die Neuigkeiten mit. Im Kamin knackten die Holzscheite und ein angenehmer Duft nach verbranntem Harz lag in der Luft.
Die Henkeltasse mit beiden Händen umschlossen, schlürfte ich
genüsslich den heißen Tee und beobachtete träumend das
Glimmen der Glut. Unwillkürlich baute sich vor meinem inneren
Auge ein Bild auf. Susan und Michael rekelten sich eng umschlungen vor dem Kamin.
Brr … Susan!
Ich wurde einfach das Gefühl nicht los, dass Susan es darauf
anlegte, mir meinen Mann auszuspannen. Mehrmals versuchte
ich, Michael auf dieses Thema anzusprechen. Aber er lachte
mich einfach aus:
„Was bildest du dir nur ein? Du siehst wohl schon Gespenster.
Susan? Die doch nicht.“
Das musste ich mir anhören. Und dass ich eine eifersüchtige
Zicke sei. Ich könnte vor Wut platzen, wenn ich nur an dieses
Gespräch dachte.
„Ich eine eifersüchtige Zicke, dass ich nicht lache.“ Zumindest
gingen Michael und ich danach viel seltener in Jeff´s Bar. Und
wenn doch, dann nur, um mit allen Mitteln zu demonstrieren:
„Seht her, das ist mein Mann.“
Bloß keine Eifersucht anmerken lassen. Wann immer Michael
es schaffte, mich nach diesem Gespräch in Jeff’s Bar zu
schleppen, lachte ich besonders viel und laut und zeigte nach
außen eine künstliche Fröhlichkeit, die ich nach innen nicht verspürte.
Tief in meine Gedanken versunken, schreckte ich auf, als sich die Haustür öffnete. Ein eiskalter Windzug fegte durch das kleine Haus und zwei von oben bis unten mit Schnee bedeckte Männer betraten das Haus. In dem einen erkannte ich den frisch gebackenen Vater Jack. Vom Geräusch geweckt, schreckte Sarah hoch, das Baby indes ließ sich nicht stören. Die beiden Männer schüttelten den Schnee von ihren Jacken und ohne mich zu beachten, gingen sie zur Schlafstatt von Sarah. Derweil musterte ich den zweiten Neuankömmling. Die Männer schienen Brüder oder zumindest vom selben Volk zu sein, denn auch dieser Mann hatte leicht schräg stehende Augen. Seine langen, schwarzen Haare trug er, ähnlich wie Jack, im Nacken zusammengebunden.
Er war groß, größer als die anderen Indianer, die ich bisher
kennenlernte und auffallend schlank. Freudig eilte er zu Sarah,
nahm sie zärtlich in den Arm, beglückwünschte sie und bestaunte das Baby. Etwas blass und mit wackligen Beinen stand Sarah vorsichtig auf. Als ich aufsprang, um sie zu stützen, zog ich die Aufmerksamkeit der Männer auf mich. Jack stellte mich vor. Ablehnende Augen musterten mich abschätzend von oben bis unten. In einer Sprache, die ich nicht verstand, fingen die Drei an zu diskutieren. Anhand der Gesten und Blicke ahnte ich, dass ich Mittelpunkt des Gesprächs war.
Die Situation gefiel mir absolut nicht. Am liebsten wäre ich sofort in mein Auto gesprungen. Sarah beendete mit einem resoluten Satz die Diskussion und sprach in Englisch weiter:
„Jenny entschuldige, mein Schwager ist manchmal etwas unhöflich. Wir nehmen nicht gern die Dienste von Weißen in Anspruch und du bist die erste weiße Doula, die er kennenlernt.“
Mit großen Augen starrte ich die vor mir stehenden Menschen
an. Das meinten sie doch nicht im Ernst? Wir lebten im 21.Jahrhundert.
Ich fragte: „Wo ist sein Problem?“ Schon flammt die Diskussion erneut auf.
„Warum? Siehst du, wie ahnungslos die ist?“, poltert der Mann
los und zeigt mit seinem Finger auf mich.
„Die schicken uns eine komplett ahnungslose, blonde Puppe her. Ich wette, wir sind die ersten Native, die das Püppchen zu sehen bekommt“, höhnt er. Das war zu viel für mich, ich postierte mich vor dem Fremden und erwiderte Aug in Aug stehend:

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