Dienstag, 17. April 2012

Manchmal musst du über deinen Schatten springen

Mir ist gerade aufgefallen, dass ich gestern gar keinen Blogbeitrag geschrieben habe. Irgendwie scheint mir da jemand die Zeit geklaut zu haben. Derzeit bin in zweigeteilt oder besser dreigeteilt? Ich beschäftige mich im Moment intensiv mit dem Thema Marketing, schließlich wollen wir nicht nur produzieren, sondern auch verkaufen.

Glücklicherweise erreichte mich heute die neue Verkehrsnummer des Börsenvereins, sodass ich jetzt auch hier die umfangreichen Weiterbildungsangebote wahrnehmen kann.
Der Markt entwickelt sich dermaßen rasant, dass es töricht wäre, diese nicht anzunehmen.


Aber davon wollte ich heute nicht berichten. 
Heute folgt die Leseprobe von  
Schattensprung, geschrieben von Barbara Kühnlenz, ein Buch von dem ich sagte, dass es ein Liebesroman sei und doch wieder keiner.




Handlungseinstieg: Ost-Berlin am 7.Oktober 1989. Allein dieser geschichtliche Rahmen weckt bei Bewohnern der ehemaligen DDR Erinnerungen, Leser der alten Bundesländer werden Gegebenheiten kennenlernen, von denen die Wenigsten wussten, dass sie so waren.

Leseprobe:

Melanie fühlte sich unbehaglich, wenn sie auf das Namensschild ihrer Eltern blickte, das hinter zwei Gedecken stand. Sie wusste, dass ihr Vater die Einladung zum 60. Geburtstag von Frau Traugott zerrissen hatte.
Er verabscheute diese Erzkommunisten, dieses Kommunistenpack, wie er Familie Traugott nannte, obwohl er selbst Mitglied der SED war. Wegen der Stellung als Abteilungsleiter im Betrieb müsse er das, behauptete er.
Genauso wenig begriff sie, weshalb er ihre Verbindung mit Johannes, dem jüngsten Sohn dieser Familie, ablehnte. In seinen Augen war er ein Hallodri, ein Taugenichts, aber er duldete ihn bisweilen als Besucher, weil Melanie sonst ebenfalls ferngeblieben wäre. Als Einzelkind fühlte sie sich bei den Eltern von Johannes und seinen Geschwistern wohl. Während ihrer Kindheit hatte sie sich oft eine Schwester oder einen Bruder gewünscht. Nun saß sie mitten in einer großen Familie, aber statt sich zu freuen, beunruhigte sie weniger das Namensschild ihrer Eltern, sondern ein anderes, auf dessen Schild der Name des Gastes stand, mit dem sie etwas Ungeheuerliches verbinden sollte.
Wie konnte Johannes nur so was von ihr verlangen!
  Von hinten umschlangen Melanie zwei Arme, und eine Stimme flüsterte neben ihrem Ohr: „Wenn bloß dieser ganze Rummel erst vorbei wäre. Ich liebe dich nämlich, Fräulein Seidemann, und zwar wahnsinnig.“
Wie gerne hörte sie ihn so sprechen!
Eng schmiegte sie sich gegen seine Brust, hauchte
  „Oh, Jo!“, schloss ihre Augen und küsste ihn als Antwort.
Keinen Tag mit ihm bereute Melanie. Sie liebte zum ersten Mal einen Mann und das mit einer Intensität, die sie nie für möglich gehalten hätte. Sie hatte ihn bei ihrer Freundin Isabell kennengelernt, bei der er seinerzeit erst seit einigen Tagen wohnte. Schon bei der Begrüßung, als er Melanies Hand berührte und sich ihre Blicke trafen, fühlte sie, dass nur er ihre Sehnsucht stillen
konnte.
Noch am gleichen Abend erlag sie seinem Charme. Wenige Tage später quartierte er sich mit seinen Habseligkeiten bei ihr ein. Melanie vermutete damals, dass Isabell, mit der sie eine Freundschaft seit ihrer Ausbildung zur Laborantin verband, auf der Stelle mit ihr spinnefeind sein werde. Aber stattdessen erklärte sie ihr, dass sie nicht vorgehabt habe, mit Johannes ihr Leben zu verbringen und warnte sie sogar. Vor seiner Faulenzerei, vor seiner Flatterhaftigkeit in jeder Hinsicht. Aber darauf gab Melanie nicht viel, denn sie wusste, dass Isabell mit Vorliebe von ihrem Verhalten auf das Anderer
schloss. Isabell tröstete sich bereits zwei Tage später mit dem Fernsehmonteur Michael Mick. Eigentlich sollte er nur den Fernseher reparieren, aber Isabell lud ihn zu mehr ein. Nach einer gemeinsamen Nacht folgte eine zweite und nach der dritten kündigte er den Mietvertrag seiner Wohnung und zog zu ihr. Melanie spürte gleich bei der ersten Begegnung, dass er Isabell nicht nur wegen ihres Aussehens bewunderte, sondern aufrichtig liebte. Sie hoffte nun, dass Isabell ihre einstige Einstellung zu Liebe und Treue neu entdecken würde. Zu Beginn ihrer Freundschaft schätzte Melanie besonders diese Lebensart an ihr, wie jetzt bei Michael. Trotz Isabells Bedenken genoss Melanie uneingeschränkt Johannes, seine Wärme, seine Kraft und seine Unbekümmertheit, mit der er das Leben zu meistern schien.
...
   Johannes löste die Kinder von sich. Sie wehrten sich, aber er kniete sich hin und versprach: „Wenn ihr euch jetzt an den Tisch setzt und ganz lieb seit, spielt der Onkel nachher wieder mit euch.“ Ohne die sonst übliche Aufsässigkeit, folgten sie sofort seiner Aufforderung. Nun nahm auch Johannes sein Glas und stieß es gegen das seiner Mutter. Dazu sang er lauthals mit verstellte Stimme:     
  „Hoch soll sie leben, dreimal hoch! Prost, Liz!“
  „Johannes, wir sind hier nicht im Wilden Westen! Deine Mutter heißt schlicht und einfach Liese. Nenn' sie gefälligst auch so, wenn du dich schon zu Mutter nicht entschließen kannst“, schimpfte der Vater dazwischen.
  Johannes lachte nur dazu und konterte: „Aber, aber, Herr Traugott. Man muss doch mit der Zeit gehen. Deine Frau hat nun mal auf Grund ihres Alters laut Gesetz deiner geliebten DDR das Recht erlangt, in die goldene Freiheit fahren zu dürfen. Sag' schon, Liz, wann fährst du? Ich freue mich bereits auf die leckeren Sachen von drüben.“
Herr Traugott knallte sein Glas auf den Tisch.
  „Verdammt, mein Sohn! Wir sind DDR - Bürger. Du, deine Mutter, wir alle hier. Und DDR-Bürger lassen sich nicht kaufen. Gerade du als Lehrersohn müsstest doch wissen, wo du zu stehen hast. Ich hatte immer gedacht, meine Kinder wüssten, was sie der Partei schuldig sind. Wer anders denkt, kann gehen.“
  Liesbeth lenkte ein: „Vater meint es nicht so.“ Keiner widersprach, obwohl alle wussten, dass er es genauso meinte. Sogar Johannes blieb stumm. Das nun einsetzende Schweigen erfasst auch die Kinder. Die Mutter fragte nicht, wie sonst, nach den Wünschen ihrer Gäste, sondern belegte jeden Teller mit einem Stück Käsetorte, füllte in jede Tasse Kaffee und stellte vor Thomas ein Glas mit Limonade. Dennis erhielt einen Becher mit Kakao. Danach durchbrach die Stille lediglich hin und wieder das Klappern der Kaffeetassen, wenn sie einer auf den Unterteller zurückstellte. Ansonsten verzehrten alle, in eigene Gedanken vertieft, ihr Stück Kuchen. Nur die Kinder nicht. Statt sein Stück Käsetorte zu essen, pulte Thomas mit einem Finger die Rosinen aus dem Rand des Mohnkuchens. Dennis schlug mit beiden Händen auf sein Stück, sodass es nach allen Seiten ...

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