Nachdem wir in den vergangenen Tagen so viel über dieses Buch gesprochen haben, möchte ich euch heute eine Leseprobe vorstellen:
Seitdem ich vor einem halben Jahr am 1. August 1964 auf dieser Station angefangen hatte, übernahm ich jede Überstunde, mit der sie mich regelmäßig bedachte, verzichtete oft auf meine Frühstückspause und nicht selten auf das Mittagessen. Ich verrichtete die niedrigsten Arbeiten, die es in diesem Beruf zu erfüllen gab, obwohl ich das Abitur mit sehr guten Noten bestanden hatte, ebenso den Facharbeiterbrief und das Staatsexamen als Krankenschwester. Weshalb schikanierte sie mich ununterbrochen? Ich widersprach doch niemals, was auch immer sie anordnete. Warum also unentwegt diese Härte, diese Verachtung? Da! Schon wieder gellte ihr „Schwester Maria!“ über die geriatrisch- innere Männerstation bis in eines der Krankenzimmer, in dem meine Kollegin Ursula und ich gerade einen halbseitig gelähmten Patienten versorgten. Regelmäßig zuckten wir gleichzeitig zusammen, wenn die Stationsschwester einen von uns zu sich befahl.
Ursula flüsterte: „Du. Wieder du.“ Sie schien erleichtert zu sein und drängte: „Geh doch endlich!“
Ich eilte aus dem Zimmer. Am Ende des langen Flures stampfte Stationsschwester Gertrud auf ihren strammen Beinen vor dem Dienstzimmer hektisch hin und her. Ihr Schwesternkittel umgab sie als sei er ein Korsett. Wenn sie wirklich mal mit zupacken musste, knackten alle Nähte, besonders die im oberen Teil, denn der Schwesternkittel war aus unelastischem Baumwollgewebe. Als sie mich sah, keifte sie den Flur entlang:
„Sind Sie jetzt auch noch taub, Schwester?“
Sie erreichte vor mir das Dienstzimmer, füllte mit ihren üppigen Körpermaßen die Türöffnung, drehte mir ihr Gesicht zu und aus ihren schwammigen, knallrot geschminkten Lippen grollte es:
„Entschuldigung. Nein, Oberschwester.“
Sie liebte diesen Titel, obwohl er ihr vom Dienstgrad her nicht zustand. Ihr Blick durch die schmucklosen Brillengläser lähmte mich. Ich stand vor ihr. Mit hängenden Schultern. Mit gesenktem Kopf.
„Was haben Sie sich dabei gedacht, Schwester?“
Mit irgendetwas Hellem wedelte sie mir vor der Nase herum. Ich blickte hoch und schaute beklommen auf ein Blatt Papier in ihrer Hand. In der ihr eigenen zynischen Art zischte sie:
„Ein Versetzungsantrag!“, und brüllte dann unvermittelt los: „Ihr Antrag.“ Hämisch flüsterte sie mir zu: „Aber daraus wird nichts. Ich und Frau Oberin haben entschieden! Disziplin ist nun mal das halbe Leben. Wäre ja noch schöner, wenn da jeder käme und seinen Platz verlassen wollte, der ihm zugewiesen wurde! Sie sind Krankenschwester, und das bedeutet Pflichterfüllung zum Wohle des Patienten und nichts weiter, Schwester!“
Sie schwenkte meinen Antrag mit der rechten Hand hin und her, griff auf einmal mit ihrer linken zu und dann zerriss sie ihn. Sie vernichtete damit nicht nur ein Blatt Papier, sondern auch meine Hoffnung auf einen anderen, vielleicht besseren Arbeitsplatz in der Dermatologie, um den ich mich beworben hatte. Langsam ...
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