Die Geburt einer Chimäre
Es war einmal Hans-Peter, ein unscheinbarer junger Mann. Er
achtete nicht besonders auf sein Äußeres, trug sein Haar lang und strähnig. Hin
und wieder sprach ihn jemand darauf an, aber ihm gefiel, so wie er aussah und
darum änderte er nichts.
Niemand wusste, dass Hans-Peter zwei Personen in einer
waren. Hans war ein recht umgänglicher, netter Kerl. Peter dagegen war
kaltherzig und böse.
So kam es, dass die beiden sich immer wieder um die
Oberherrschaft stritten.
Wann immer Hans sich in eine Frau verliebte, zerstörte
Peter diese Beziehung. Trat Hans einen neuen Job an, stänkerte Peter so lange
mit den Kollegen oder dem Chef, bis dieser Job der Vergangenheit angehörte.
Rasante Umzüge im Jahrestakt durch das ganze Land folgten. Immer öfter gerieten
Hans und Peter in Streit miteinander. Hans wollte so gern bei den Menschen
angesehen und gemocht werden, er wollte ein erfolgreicher Geschäftsmann sein,
der von allen geachtet wurde. Aber Peter ließ das einfach nicht zu. Peter
vermutete hinter jedem Freund einen Neider, hinter jeder gut gemeinten Äußerung
eine falsche Kritik.
Im Laufe der Jahre stellten sich drei Kinder ein, die bei Hans-Peter lebten. Das Dilemma verschlimmerte sich. Während Hans seinen Kindern ein guter Vater sein wollte, der sie herzte und knuddelte, schubste Peter die Kinder immer wieder weg. Es bereitete Hans-Peter Qualen, mit seinen Kindern gemeinsam am Tisch zu sitzen. Hausaufgaben zu machen, Gutenacht-Geschichten oder gemeinsame Mahlzeiten blieben nur ein Wunschtraum. Immer öfter gewann Peter den Kampf und so begann, sich Hans-Peter zu verändern. Ihm wuchsen lange Krallen, seine Augen blitzten und funkelten.
Im Laufe der Jahre stellten sich drei Kinder ein, die bei Hans-Peter lebten. Das Dilemma verschlimmerte sich. Während Hans seinen Kindern ein guter Vater sein wollte, der sie herzte und knuddelte, schubste Peter die Kinder immer wieder weg. Es bereitete Hans-Peter Qualen, mit seinen Kindern gemeinsam am Tisch zu sitzen. Hausaufgaben zu machen, Gutenacht-Geschichten oder gemeinsame Mahlzeiten blieben nur ein Wunschtraum. Immer öfter gewann Peter den Kampf und so begann, sich Hans-Peter zu verändern. Ihm wuchsen lange Krallen, seine Augen blitzten und funkelten.
Hans fing an, seine Wünsche auf Papier zu schreiben. Seinen Wunsch nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Anerkennung. Und Hans-Peter stellte fest, dass Hans ein begnadeter Schreiberling war. Die Geschichten fanden reißenden Absatz. Peter dachte sich: „Vielleicht könnten wir ja aus dem Talent von Hans Kapital schlagen und werden reich?“ Dieser Gedanke gefiel ihm ausnehmend gut, und so erlaubte er Hans weiter Geschichten zu schreiben.
Als Hans-Peter nach einem weiteren Umzug vor den Trümmern
seines bisherigen Lebens stand, überlegte er sich, wie es weitergehen könnte.
Hans brachte vorsichtig hervor: „Ich möchte so gern ein geachteter
Geschäftsmann sein. Lass uns einen Verlag eröffnen, dann können wir die
Geschichten verkaufen und viel Geld verdienen.“
Peter tat, als überlege er,
aber in Wirklichkeit gefiel ihm die Idee sehr gut. Vor allem das viele Geld,
was am Horizont glitzerte, reizte ihn. Hinweggefegt wurden die vorsichtigen
Überlegungen, ob Hans-Peter denn überhaupt in der Lage sei, einen Verlag zu
führen. Als dann noch das Land, in dem er lebte, ihm Geld schenkte, waren alle
Zweifel beseitigt. Hans-Peter beglückwünschte sich zu seiner klugen
Entscheidung.
Bereits nach wenigen Tagen erkannte Hans-Peter, dass ihn sogar die Firmengründung vor ein unlösbares Problem stellte. Guter Rat war teuer.
Bereits nach wenigen Tagen erkannte Hans-Peter, dass ihn sogar die Firmengründung vor ein unlösbares Problem stellte. Guter Rat war teuer.
Peter schickte Hans vor, der zähneknirschend
und verzweifelt sein Versagen vor den Autoren zugab. Zufälligerweise bekam
Fritzchen das mit und bot sofort seine Unterstützung an. Fritzchen hatte zwar
auch keine Ahnung, wie ein Verlag geführt werden musste, aber er lernte
schnell. Nachdem auch die Sache mit dem Geld geregelt war, konnte es losgehen
mit dem Geldverdienen. So dachte sich Hans-Peter und lehnte sich erwartungsvoll
zurück. Das Geld war zäh und ließ sich nicht so leicht verdienen und schneller
als erwartet, verließ Hans-Peter der Mut. Wieder ging zwischen den beiden die
Streiterei los, schlimmer als jemals zuvor.
Sogar Fritzchen wurde in den Streit
mit einbezogen. Als dem das zu bunt wurde, sprach er ein Machtwort.
„Hans-Peter“ – er wusste da noch nichts von den beiden Personen, die in
Hans-Peter um die Oberherrschaft kämpften – „Hans-Peter, entweder du schließt
den Verlag oder du gibst mir ab sofort einen Anteil. Ich mache hier die ganze
Arbeit, während du es dir gut gehen lässt. Es ist kein Geld mehr da. Wie soll
es weitergehen?“
Peter drängte Hans zurück und das erste Mal lernte Fritzchen Peter kennen. Er schrie, er tobte.
Peter drängte Hans zurück und das erste Mal lernte Fritzchen Peter kennen. Er schrie, er tobte.
„Meinen Verlag willst du? Egal, ob du hier die ganze Arbeit
machst. Es ist mein Verlag. Ich hatte die Idee. Niemals!“ In der Nacht sprach
Hans und versuchte Peter zu beschwichtigen.
„Sieh doch, wir beide schaffen es
nicht den Verlag zu führen. Wir sind nicht geeignet. Zwar kann ich gute
Geschichten schreiben und du bist ein toller Redner, aber das reicht nicht.
Außerdem hat Fritzchen bis jetzt gute Arbeit geleistet. Lassen wir ihn das doch
ruhig weiter für uns tun.“
Nachdem Peter sich ein wenig beruhigt hatte, fiel
ihm ein, dass Fritzchen auch angeboten hatte, die fälligen Rechnungen zu
zahlen. Und so waren sich Hans und Peter das erste Mal einig und schlugen ein.
Am kommenden Tag unterschrieben Hans-Peter und Fritzchen den Vertrag, der ihre
Partnerschaft besiegelte.
In der folgenden Zeit lernte Fritzchen immer besser die
beiden Personen in Hans-Peter kennen. Mit Hans verstand er sich gut. Sie
konnten gemeinsam lachen, Pläne schmieden, Geschichten schreiben und Bücher
verkaufen. Vor Peter fürchtete Fritzchen sich. Denn Peter war hinterhältig und
gemein. Peter ging es nur ums Geld. Verdienen sollten das die anderen, aber
besitzen wollte Peter es.
Sogar privat lief es bei Hans-Peter besser. Nach seinem
vorerst allerletzten Umzug kam die Familienfürsorge und zeigte Hans-Peter, dass
Kinder umarmen nicht wehtat. Sie erklärten, dass Kinder regelmäßig Mahlzeiten
zu sich nehmen sollten, dass Kinder vor dem Zubettgehen gewaschen werden
müssen, und erklärten viele andere Dinge. Sogar eine Frau lernte Hans-Peter
kennen, Lieschen, ein armes Mädchen von der Straße. Ihr war das Äußere von
Hans-Peter egal, denn in den ersten Tagen zeigte sich nur Hans. Sogar dem Peter
gefiel Lieschen, sodass sie die erste Frau war, die bleiben durfte. Lieschen
war froh, endlich ein Heim gefunden zu haben. Schnell schloss sie die Kinder in
ihr Herz. Sie knuddelte und herzte die Kinder, wann immer sie konnte. Sie ging
mit ihnen auf den Spielplatz, sang ihnen ein Schlaflied, las
Gutenacht-Geschichten, putzte, kochte, wusch. Sie war einfach perfekt. Als sie
dann auch noch Hans-Peters Aufgaben im Verlag übernahm, beschlossen Hans und
Peter, sie nicht wieder gehen zu lassen. Eine bessere Frau wie Lieschen würde
sich nie wieder finden lassen.
Es hätte alles wunderbar sein können, wenn da nicht der Neid
wäre.
Nach einiger Zeit wurde Peter immer unzufriedener. Hans und
Fritzchen verstanden sich gut und Peter fühlte sich das erste Mal in seinem
Leben in die Ecke gedrängt. Er ersann einen Plan. Eines Tages sprach er zu
Hans:
„Ist dir auch aufgefallen, dass die Autoren Fritzchen viel lieber haben
als dich? Dabei ist es doch dein Verlag und du machst schließlich die ganze
Arbeit. Fritzchen ist doch nur unser Laufbursche.“
„Ach was redest du da“, erwiderte Hans. „Ohne Fritzchen
wären wir schon weg vom Fenster. Schau mal wie viele tolle Bücher wir in diesem
Jahr veröffentlicht haben.“
„Ja, aber es sind nicht deine Bücher. Fritzchen hat sie veröffentlicht. Er kassiert den ganzen Ruhm.“ Peter ließ einen sehr nachdenklichen Hans zurück. Er spürte, dass er eine schwelende Wunde aufgerissen hatte. Schließlich wollte Hans beliebt und geachtet sein. Und das sollte nun nicht so sein?
Als Peter merkte, dass Hans Unsicherheit zunahm, übernahm er kurz entschlossen das Zepter. Hans jammerte und weinte, aber Peter blieb hart.
„Ja, aber es sind nicht deine Bücher. Fritzchen hat sie veröffentlicht. Er kassiert den ganzen Ruhm.“ Peter ließ einen sehr nachdenklichen Hans zurück. Er spürte, dass er eine schwelende Wunde aufgerissen hatte. Schließlich wollte Hans beliebt und geachtet sein. Und das sollte nun nicht so sein?
Als Peter merkte, dass Hans Unsicherheit zunahm, übernahm er kurz entschlossen das Zepter. Hans jammerte und weinte, aber Peter blieb hart.
„Es ist unser
Verlag, oder?“, herrschte er Hans an. Dieser nickte verlegen. „Willst du, dass
Fritzchen ihn uns wegnimmt?“ Entsetzt schüttelte Hans seinen Kopf. „Du willst,
dass dich die Leute verehren und ich will, dass wir reich werden. Dein Weg hat
nicht funktioniert, also bin ich ab sofort dran“, schloss Peter. Anschließend
schickte er Hans in die Verbannung. Der würde eher alles versauen, dachte er
sich.
Ab sofort sprach nur noch Peter mit Fritzchen, Peter bestimmte das Handeln und schmiedete weiter an seinem Plan.
Genau zur festgelegten Zeit schlug er zu. Ehe Fritzchen so
recht wusste, wie ihm geschah, saß er draußen auf der Straße. Gerade seine
Kleidung noch hatte Peter ihm gelassen. Seine Geldbörse, seine Schlüssel …
alles weg. Als Peter sah, dass sein Plan erfolgreich verlief, platzte er fast
vor Stolz. Dabei spürte er nicht, wie er sich weiter veränderte. Ihm wuchsen
Hörner und ein langer Schwanz. Lieschen
spürte und sah zwar die Veränderungen an Hans-Peter, aber sie liebte ihn zu
sehr. Außerdem fürchtete sie ein Leben auf der Straße mehr als die Chimäre, die
vor ihr entstand.
Auch die Autoren fingen nach einiger Zeit an, unruhig zu
werden. Sie fragten: „Was war passiert?“ Peter diktierte Hans mehrere Briefe,
in dem er seinen Plan als Plan von Fritzchen darstellte. Nach dem Fritzchen
eigentlich ein Betrüger sei und gar nicht Fritzchen hieß. Wann immer Hans
vorsichtige Einwände vorbrachte, wurde er mundtot gemacht. Mit jeder neuen Lüge
fühlte Peter sich stärker. Er wuchs und wuchs. Die Finger flogen nur so über
die Tastatur, sein Gehirn lief auch Hochtouren, er fühlte sich frei und
beschwingt, wie noch nie in seinem Leben.
„Sieg, Sieg!“, schrie alles in ihm. „Ich
habe Fritzchen bezwungen, habe mir sein Hab und Gut angeeignet. Die Autoren
glauben mir und nicht ihm. Sieg!“ Ihm war egal, dass Justitia bereits auf
seiner Fährte war, die Verwandlung schritt unbeirrbar voran. Wer sollte ihn
jetzt noch das Wasser reichen? Wer würde es wagen, mit einer Chimäre den Kampf
aufzunehmen? Peter fühlte sich unbezwingbar. Unbesiegbar.
Hans wurde immer kleiner, bis nur noch ein Hänschen übrig blieb. Er trauerte und verkroch sich in das Einzige, was er wirklich gut konnte. Er flüchtete sich in die Fantasy und schrieb traurig seinen Traum von Kindern, die er umarmen und herzen wollte. Er schrieb von wundervollen Büchern, denen es genauso erging, wie seinen Kindern. Im Traum.
Letztendlich hatte sich Hans-Peter in eine Chimäre verwandelt, die genau wusste, wann Hans und wann Peter auf den Plan zu treten hatte. Die alles und jeden beherrschen wollte.
Hans wurde immer kleiner, bis nur noch ein Hänschen übrig blieb. Er trauerte und verkroch sich in das Einzige, was er wirklich gut konnte. Er flüchtete sich in die Fantasy und schrieb traurig seinen Traum von Kindern, die er umarmen und herzen wollte. Er schrieb von wundervollen Büchern, denen es genauso erging, wie seinen Kindern. Im Traum.
Letztendlich hatte sich Hans-Peter in eine Chimäre verwandelt, die genau wusste, wann Hans und wann Peter auf den Plan zu treten hatte. Die alles und jeden beherrschen wollte.
Aber ob ihr das gelingen mag?
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