Montag, 2. Januar 2012

Ein Märchen

Die Geburt einer Chimäre

Es war einmal Hans-Peter, ein unscheinbarer junger Mann. Er achtete nicht besonders auf sein Äußeres, trug sein Haar lang und strähnig. Hin und wieder sprach ihn jemand darauf an, aber ihm gefiel, so wie er aussah und darum änderte er nichts. 

Niemand wusste, dass Hans-Peter zwei Personen in einer waren. Hans war ein recht umgänglicher, netter Kerl. Peter dagegen war kaltherzig und böse. 
So kam es, dass die beiden sich immer wieder um die Oberherrschaft stritten. 
Wann immer Hans sich in eine Frau verliebte, zerstörte Peter diese Beziehung. Trat Hans einen neuen Job an, stänkerte Peter so lange mit den Kollegen oder dem Chef, bis dieser Job der Vergangenheit angehörte. Rasante Umzüge im Jahrestakt durch das ganze Land folgten. Immer öfter gerieten Hans und Peter in Streit miteinander. Hans wollte so gern bei den Menschen angesehen und gemocht werden, er wollte ein erfolgreicher Geschäftsmann sein, der von allen geachtet wurde. Aber Peter ließ das einfach nicht zu. Peter vermutete hinter jedem Freund einen Neider, hinter jeder gut gemeinten Äußerung eine falsche Kritik.
Im Laufe der Jahre stellten sich drei Kinder ein, die bei Hans-Peter lebten. Das Dilemma verschlimmerte sich. Während Hans seinen Kindern ein guter Vater sein wollte, der sie herzte und knuddelte, schubste Peter die Kinder immer wieder weg. Es bereitete Hans-Peter Qualen, mit seinen Kindern gemeinsam am Tisch zu sitzen. Hausaufgaben zu machen, Gutenacht-Geschichten oder gemeinsame Mahlzeiten blieben nur ein Wunschtraum. Immer öfter gewann Peter den Kampf und so begann, sich Hans-Peter zu verändern. Ihm wuchsen lange Krallen, seine Augen blitzten und funkelten.

Hans fing an, seine Wünsche auf Papier zu schreiben. Seinen Wunsch nach Geborgenheit, nach Liebe, nach Anerkennung. Und Hans-Peter stellte fest, dass Hans ein begnadeter Schreiberling war. Die Geschichten fanden reißenden Absatz. Peter dachte sich: „Vielleicht könnten wir ja aus dem Talent von Hans Kapital schlagen und werden reich?“ Dieser Gedanke gefiel ihm ausnehmend gut, und so erlaubte er Hans weiter Geschichten zu schreiben.

Als Hans-Peter nach einem weiteren Umzug vor den Trümmern seines bisherigen Lebens stand, überlegte er sich, wie es weitergehen könnte. 
  Hans brachte vorsichtig hervor: „Ich möchte so gern ein geachteter Geschäftsmann sein. Lass uns einen Verlag eröffnen, dann können wir die Geschichten verkaufen und viel Geld verdienen.“ 
Peter tat, als überlege er, aber in Wirklichkeit gefiel ihm die Idee sehr gut. Vor allem das viele Geld, was am Horizont glitzerte, reizte ihn. Hinweggefegt wurden die vorsichtigen Überlegungen, ob Hans-Peter denn überhaupt in der Lage sei, einen Verlag zu führen. Als dann noch das Land, in dem er lebte, ihm Geld schenkte, waren alle Zweifel beseitigt. Hans-Peter beglückwünschte sich zu seiner klugen Entscheidung.
Bereits nach wenigen Tagen erkannte Hans-Peter, dass ihn sogar die Firmengründung vor ein unlösbares Problem stellte. Guter Rat war teuer.   
Peter schickte Hans vor, der zähneknirschend und verzweifelt sein Versagen vor den Autoren zugab. Zufälligerweise bekam Fritzchen das mit und bot sofort seine Unterstützung an. Fritzchen hatte zwar auch keine Ahnung, wie ein Verlag geführt werden musste, aber er lernte schnell. Nachdem auch die Sache mit dem Geld geregelt war, konnte es losgehen mit dem Geldverdienen. So dachte sich Hans-Peter und lehnte sich erwartungsvoll zurück. Das Geld war zäh und ließ sich nicht so leicht verdienen und schneller als erwartet, verließ Hans-Peter der Mut. Wieder ging zwischen den beiden die Streiterei los, schlimmer als jemals zuvor. 
Sogar Fritzchen wurde in den Streit mit einbezogen. Als dem das zu bunt wurde, sprach er ein Machtwort. 
  „Hans-Peter“ – er wusste da noch nichts von den beiden Personen, die in Hans-Peter um die Oberherrschaft kämpften – „Hans-Peter, entweder du schließt den Verlag oder du gibst mir ab sofort einen Anteil. Ich mache hier die ganze Arbeit, während du es dir gut gehen lässt. Es ist kein Geld mehr da. Wie soll es weitergehen?“
Peter drängte Hans zurück und das erste Mal lernte Fritzchen Peter kennen. Er schrie, er tobte. 
  „Meinen Verlag willst du? Egal, ob du hier die ganze Arbeit machst. Es ist mein Verlag. Ich hatte die Idee. Niemals!“ In der Nacht sprach Hans und versuchte Peter zu beschwichtigen.        
  „Sieh doch, wir beide schaffen es nicht den Verlag zu führen. Wir sind nicht geeignet. Zwar kann ich gute Geschichten schreiben und du bist ein toller Redner, aber das reicht nicht. Außerdem hat Fritzchen bis jetzt gute Arbeit geleistet. Lassen wir ihn das doch ruhig weiter für uns tun.“ 
Nachdem Peter sich ein wenig beruhigt hatte, fiel ihm ein, dass Fritzchen auch angeboten hatte, die fälligen Rechnungen zu zahlen. Und so waren sich Hans und Peter das erste Mal einig und schlugen ein. Am kommenden Tag unterschrieben Hans-Peter und Fritzchen den Vertrag, der ihre Partnerschaft besiegelte.
In der folgenden Zeit lernte Fritzchen immer besser die beiden Personen in Hans-Peter kennen. Mit Hans verstand er sich gut. Sie konnten gemeinsam lachen, Pläne schmieden, Geschichten schreiben und Bücher verkaufen. Vor Peter fürchtete Fritzchen sich. Denn Peter war hinterhältig und gemein. Peter ging es nur ums Geld. Verdienen sollten das die anderen, aber besitzen wollte Peter es.
Sogar privat lief es bei Hans-Peter besser. Nach seinem vorerst allerletzten Umzug kam die Familienfürsorge und zeigte Hans-Peter, dass Kinder umarmen nicht wehtat. Sie erklärten, dass Kinder regelmäßig Mahlzeiten zu sich nehmen sollten, dass Kinder vor dem Zubettgehen gewaschen werden müssen, und erklärten viele andere Dinge. Sogar eine Frau lernte Hans-Peter kennen, Lieschen, ein armes Mädchen von der Straße. Ihr war das Äußere von Hans-Peter egal, denn in den ersten Tagen zeigte sich nur Hans. Sogar dem Peter gefiel Lieschen, sodass sie die erste Frau war, die bleiben durfte. Lieschen war froh, endlich ein Heim gefunden zu haben. Schnell schloss sie die Kinder in ihr Herz. Sie knuddelte und herzte die Kinder, wann immer sie konnte. Sie ging mit ihnen auf den Spielplatz, sang ihnen ein Schlaflied, las Gutenacht-Geschichten, putzte, kochte, wusch. Sie war einfach perfekt. Als sie dann auch noch Hans-Peters Aufgaben im Verlag übernahm, beschlossen Hans und Peter, sie nicht wieder gehen zu lassen. Eine bessere Frau wie Lieschen würde sich nie wieder finden lassen.
Es hätte alles wunderbar sein können, wenn da nicht der Neid wäre.
Nach einiger Zeit wurde Peter immer unzufriedener. Hans und Fritzchen verstanden sich gut und Peter fühlte sich das erste Mal in seinem Leben in die Ecke gedrängt. Er ersann einen Plan. Eines Tages sprach er zu Hans:
  „Ist dir auch aufgefallen, dass die Autoren Fritzchen viel lieber haben als dich? Dabei ist es doch dein Verlag und du machst schließlich die ganze Arbeit. Fritzchen ist doch nur unser Laufbursche.“
   „Ach was redest du da“, erwiderte Hans. „Ohne Fritzchen wären wir schon weg vom Fenster. Schau mal wie viele tolle Bücher wir in diesem Jahr veröffentlicht haben.“
   „Ja, aber es sind nicht deine Bücher. Fritzchen hat sie veröffentlicht. Er kassiert den ganzen Ruhm.“ Peter ließ einen sehr nachdenklichen Hans zurück. Er spürte, dass er eine schwelende Wunde aufgerissen hatte. Schließlich wollte Hans beliebt und geachtet sein. Und das sollte nun nicht so sein?
Als Peter merkte, dass Hans Unsicherheit zunahm, übernahm er kurz entschlossen das Zepter. Hans jammerte und weinte, aber Peter blieb hart. 
  „Es ist unser Verlag, oder?“, herrschte er Hans an. Dieser nickte verlegen. „Willst du, dass Fritzchen ihn uns wegnimmt?“ Entsetzt schüttelte Hans seinen Kopf. „Du willst, dass dich die Leute verehren und ich will, dass wir reich werden. Dein Weg hat nicht funktioniert, also bin ich ab sofort dran“, schloss Peter. Anschließend schickte er Hans in die Verbannung. Der würde eher alles versauen, dachte er sich.

Ab sofort sprach nur noch Peter mit Fritzchen, Peter bestimmte das Handeln und schmiedete weiter an seinem Plan. 

Genau zur festgelegten Zeit schlug er zu. Ehe Fritzchen so recht wusste, wie ihm geschah, saß er draußen auf der Straße. Gerade seine Kleidung noch hatte Peter ihm gelassen. Seine Geldbörse, seine Schlüssel … alles weg. Als Peter sah, dass sein Plan erfolgreich verlief, platzte er fast vor Stolz. Dabei spürte er nicht, wie er sich weiter veränderte. Ihm wuchsen Hörner und ein langer Schwanz.  Lieschen spürte und sah zwar die Veränderungen an Hans-Peter, aber sie liebte ihn zu sehr. Außerdem fürchtete sie ein Leben auf der Straße mehr als die Chimäre, die vor ihr entstand. 

Auch die Autoren fingen nach einiger Zeit an, unruhig zu werden. Sie fragten: „Was war passiert?“ Peter diktierte Hans mehrere Briefe, in dem er seinen Plan als Plan von Fritzchen darstellte. Nach dem Fritzchen eigentlich ein Betrüger sei und gar nicht Fritzchen hieß. Wann immer Hans vorsichtige Einwände vorbrachte, wurde er mundtot gemacht. Mit jeder neuen Lüge fühlte Peter sich stärker. Er wuchs und wuchs. Die Finger flogen nur so über die Tastatur, sein Gehirn lief auch Hochtouren, er fühlte sich frei und beschwingt, wie noch nie in seinem Leben. 
  „Sieg, Sieg!“, schrie alles in ihm. „Ich habe Fritzchen bezwungen, habe mir sein Hab und Gut angeeignet. Die Autoren glauben mir und nicht ihm. Sieg!“ Ihm war egal, dass Justitia bereits auf seiner Fährte war, die Verwandlung schritt unbeirrbar voran. Wer sollte ihn jetzt noch das Wasser reichen? Wer würde es wagen, mit einer Chimäre den Kampf aufzunehmen? Peter fühlte sich unbezwingbar. Unbesiegbar.
Hans wurde immer kleiner, bis nur noch ein Hänschen übrig blieb. Er trauerte und verkroch sich in das Einzige, was er wirklich gut konnte. Er flüchtete sich in die Fantasy und schrieb traurig seinen Traum von Kindern, die er umarmen und herzen wollte. Er schrieb von wundervollen Büchern, denen es genauso erging, wie seinen Kindern. Im Traum.
Letztendlich hatte sich Hans-Peter in eine Chimäre verwandelt, die genau wusste, wann Hans und wann Peter auf den Plan zu treten hatte. Die alles und jeden beherrschen wollte. 

Aber ob ihr das gelingen mag?

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